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Hans-Ulrich Müller-Russell

Die Bücherkiste zieht um …

Seit mehr als 20 Jahren gibt es sie schon, die Bücherkiste des Historischen Vereins Kehl. In einer Garage an der Friedhofstraße kam sie zur Welt. Damals hieß sie noch Bücherflohmarkt. Er wurde von Idealisten betrieben, die aus Respekt vor dem Kulturgut Buch Bücher aus Haushaltsauflösungen nicht einfach einer Grünen Tonne anvertrauen wollten. So dehnte sich der Bücherflohmarkt allmählich aus, und die Garage reichte bald nicht mehr.

Über mehrere Zwischenstationen ist die Bücherkiste schließlich 2014 in die Kinzigstraße ge­langt. Der Kundenstamm ist ihr treu geblieben und weiter gewachsen. Heute hat die Bücherkiste in Kehl und Umgebung, auch jenseits der Grenze im Elsass, einen Namen. Als bekannt wurde, dass der Bücherkiste Ende vorigen Jahres gekündigt wurde und sie die Räume in der Kinzigstraße bis Mai ver­lassen muss, meldeten sich viele Kunden enttäuscht zu Wort, teils auch öffentlich.

Was wäre Kehl ohne die Bücherkiste? Den Jüngsten unter uns bietet sie eine Fülle bunter Bücher, in denen man blättern und die Welt in Bildern kennen lernen kann. Manche Bücher machen sie mit ihrer Heimat vertraut, ein Pluspunkt, der mit dem Verlust des Fachs Heimatkunde in den Grund­schulen an Bedeutung gewonnen hat.

Älteren bietet sie die Gelegenheit, in einem geordneten Bücherbestand nach Herzenslust un­verbindlich zu stöbern. Sachbücher sind nach Sachgebieten geordnet, Belletristik alphabetisch nach Verfassern. Da die Bücher zu einem Spottpreis nach Gewicht verkauft werden, kann sich jeder be­dienen, auch Schüler und Studenten ohne eigenes Einkommen und Empfänger von Grundsicherung.

Weinbrenner? Ein Stadtbild wird zerstört …

Weinbrenner? Nein danke! Es lebe der Brutalismus?

2021 haben über 1000 Kehlerinnen und Kehler in einer Petition verlangt: „Herr Oberbürgermeister, bewahren Sie eine der letzten historischen Häuserzeilen in Kehl!” Gemeint war die Häuserzeile Hauptstraße 78-88 schräg gegenüber dem Rathaus. Sie präsentiert sich wie das Rathaus teilweise im Weinbrenner-Stil und trägt zu einem erhaltenswerten Stadtbild bei.

Die Petition hat nichts genutzt. Der Gemeinderat hat sie 2021 an die Sparkasse, Eigentümerin einiger Grundstücke in der Häuserzeile, weitergeleitet, in der Annahme, er sei nicht zuständig. Im Ernst? Hat damals auch nur ein Beteiligter angenommen, die Sparkasse und nicht die Stadt sei für Baugenehmigungen und Denkmalschutz zuständig?

Gemeinderat und Stadtverwaltung müssen umsetzen, was die Stadt schon 1977 in Zusammenarbeit mit der Landesdenkmalpflege im „Rahmenplan Stadtkern Kehl“ niedergelegt und 2004 in ihrer Gestaltungssatzung konkretisiert hat: den Erhalt des im Rahmenplan ausgewiesenen, stellenweise von der Weinbrenner-Schule geprägten Stadtbilds.

Seitdem sind mehr als 20 Jahre vergangen. Die Pflege des Stadtbilds stand oft auf der Tagesordnung des Gemeinderats. Und der Gemeinderat hat sich wiederholt zum Weinbrenner-Stil bekannt. So heißt es in der 2020 beschlossenen Gestaltungssatzung: „Auf Grundlage dieses (Weinbrenner-)Konzeptes ist für die Kehler Innenstadt u.a. die Gestaltung eines unverwechselbaren Stadtbildes zur Wahrung bzw. zur Erhöhung ihrer Attraktivität unverzichtbar.“ Ebenso deutlich ist das vom Gemeinderat 2021 beschlossene Stadtentwicklungskonzept 2035: „Die heutige Struktur der Innenstadt und auch einzelne historische Gebäude sind daher ein Verdienst von Friedrich Weinbrenner. Gerade durch dieses Erbe kommen den Themen ,Baukultur‘ und ,Städtebauliche Gestalt‘ als identitätsstiftende Merkmale eine besondere Bedeutung zu.“

Wie verträgt sich das Bekenntnis zum Weinbrenner-Stil mit dem Abbruch des Gelben Hauses Hauptstraße 84 und der Anlage eines freien Platzes an dessen Stelle? Die Häuserzeile wird in ihrer Mitte unterbrochen. Die Sparkasse setzt damit die Zerstörung fort, mit der sie 1965 am Ostrand der Zeile begonnen hat, und Gemeinderat und Verwaltung billigen es. Der Gemeinderat hätte es verhindern können, wenn er Rathaus und Häuserzeile durch Beschluss rechtzeitig unter Ensembleschutz gestellt hätte (Denkmalschutzgesetz § 19).

Stattdessen wird die Häuserzeile im Stil des Brutalismus umgestaltet. Er zeichnet sich durch unverputzten Beton, sichtbare Konstruktionen und freiliegende Grundrisse aus und hatte in der Nachkriegszeit seine „Blütezeit”.

Fazit: Ein erhaltenswertes Stadtbild im Zentrum wird nach und nach zerstört, weil Vorstand und Verwaltungsrat der Sparkasse es so wollen, und die Stadt Kehl, ein Träger der Sparkasse, es unterstützt. Aber vielleicht verhilft das Erlebnis dem Gemeinderat zu der Einsicht, dass historische städtische Gebäude, die das Bild der Stadt oder einer Ortschaft prägen, nicht verkauft, sondern angemessen gepflegt werden sollten.

5.3., 19h, Club Voltaire, Hafenstr. 3: Die Wiedervereinigung und ihre Folgen

Wiedervereinigung – ein Thema von gestern?

Ganz im Gegenteil. Folgt man einigen Historikern, so werden wir tagtäglich daran erinnert, dass im Zuge der Wiedervereinigung manche Weichen falsch gestellt worden sind. Gerhard A. Ritter, Professor für Neuere und Neueste Geschichte, hat 2006 mit seinem Buch „Der Preis der deutschen Einheit – Die Wiedervereinigung und die Krise des Sozialstaats“ einen Bestseller gelandet. Heute, 20 Jahre später, hören und lesen wir: Wir können uns den Sozialstaat nicht mehr leisten, wir müssen sparen, Schluss mit Bürgergeld usw. usf.

Was hat die Krise des Sozialstaats mit der Wiedervereinigung zu tun? Gibt es weitere bemerkenswerte Spätfolgen der Wiedervereinigung? Was hat Wolfgang Schäuble, 1990 Bundesinnenminister unter Bundeskanzler Helmut Kohl, zur Wiedervereinigung beigetragen? War die Wiedervereinigung in Wahrheit eine ,,Übernahme“, ein ,,Anschluss“?

Zukunft braucht Herkunft

Unter diesem Motto richtet die Gemeinde Hohberg ein Museumsquartier ein, berichtet die Kehler Zeitung in ihrer aktuellen Ausgabe (KEZ vom 31. Januar 2026). „Ein starkes Zeichen für gelebte Kultur“, meint Bürgermeister Heck.

Und Kehl? Verkauft die Stadt demnächst ihr Museumsgebäude in der Friedhofstraße und schafft damit ihr Museumsquartier ab?Zuzutrauen wäre es ihr, denn auf eine Umfrage der Kehler Zeitung unter Gemeinderatsmitgliedern haben einige für den Verkauf plädiert.

Doch es gibt noch besonnene Mitbürger in der Stadt, genauer: in Kork. „Katastrophale Veräußerung von Kulturgut“ hat in einer Ortschaftsratssitzung ein Korker den geplanten Verkauf des Hanauer Museums, der ehemaligen Sundheimer Grundschule und der Rathäuser in Querbach und Odelshofen genannt. Der Korker Ortschaftsrat lehnt den Verkauf ab.

Entscheiden muss es der Kehler Gemeinderat am 25. Februar. Wir leben gerade in der närrischen Zeit, in der das Brauchtum gepflegt wird. Vielleicht dämmert es dem einen oder anderen Gemeinderatsmitglied beim Umtrunk in der ich-weiß-nicht-wievielten Narrensitzung dieser Saison? Zukunft braucht Herkunft, sonst sind wir heimatlos.

Keine Chancen für den Liberalismus? Vorträge am 13. Febr., 16 Uhr

Generallandesarchiv Karlsruhe und auf ZOOM (https://ag-landeskunde-oberrhein.de/event/keine-chancen-fuer-den-liberalismus/)

Bürgerliche Parteien in der Weimarer Republik

Eine Einladung des Generallandesarchivs zum Forum Landesgeschichte
Durch die Gründung der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) 1918 war der zersplitterte Liberalismus wieder geeint und konnte sich in der neuen Republik zu einem Machtfaktor entwickeln. Doch schnell zeigte sich, dass die Gräben zwischen den ehemaligen Nationalliberalen und Fortschrittlern weiterhin tief waren. Auch das Programm Gustav Stresemanns für die Deutsche Volkspartei (DVP), „Wir sind und bleiben national und liberal“, zeigt die Zerreißprobe des Liberalismus zwischen den Parteien von rechts und links.

Es sprechen:
Dr. Jürgen Frölich, Bonn
Ein national-liberaler Stabilitätsanker? Gustav Stresemann, Baden und die Weimarer Republik
Johannes Niemesch, Karlsruhe
Zwischen Vernunftrepublikanismus und demokratischer Überzeugung. Die Deutsche Demokratische Partei und deren politische Ausrichtung in der Frühphase der Republik Baden
Kaffeepause
Dr. Desiderius Meier, Passau
Die badische DDP und die Chancen liberaler Politik in der Weimarer Demokratie
Das Forum Landesgeschichte ist eine Veranstaltung des Generallandesarchivs in Kooperation mit der
Arbeitsgemeinschaft für geschichtliche Landeskunde am Oberrhein.

Uhrmacher im Schwarzwald als Wegbereiter des Kapitalismus – Vortrag 5. Feb., 18.15 Uhr

Dr. Johanna Regnath, Geschäftsführerin des Instituts, schreibt dazu:

Die Geschichte des induustriellen Kapitalismus und seiner Entstehung ist reich an großen Erzählungen. Oft sind diese jedoch nur an wenige empirische Befunde rückgebunden, die sich darüber hinaus überproportional häufig auf Stadtgesellschaften beziehen. So entstanden Stereotype von Stadt und Land als vermeintlich fortschrittlich bzw. rückständig. Die spezifischen Dynamiken ländlicher Räume gerieten aus dem Blick. Der Referent untersucht innovative Netzwerke und gewerbliche Dynamiken im ländlichen Raum, um neue Perspektiven auf die Entstehung und Ausformung des industriellen Kapitalismus in Europa zu entwickeln. Anhand der Uhrmachergewerbe in Schwarzwald und Jura rücken so die Akteure ins Zentrum der Erklärung für die Industrielle Revolution.
Johannes K. Staudt hat Geschichte und Wirtschaftswissenschaften an der Uni Freiburg und am Trinity College Dublin studiert und 2020 mit dem Master abgeschlossen. Er promoviert bei Prof. Dr. Jörn Leonhard über das Thema „Ländliche Innovationskulturen und die Entstehung des europäischen Kapitalismus: Eine vergleichende Geschichte des Schwarzwalds und des Jura, ca. 1740–1880“. Unterstützt von einem Sonderstipendium der Kommission für Geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg schließt er derzeit diese Arbeit ab.

Besuch in Nancy am 24./25.06.2026

Nancy, aus dem Sumpf (nant, keltisch = Sumpf) entstanden, ist heute reich an Baukunst und anderen Sehenswürdigkeiten. Der Verein lädt zu einer zweitägigen Reise mit Dr. Stefan Woltersdorff ein.

 Der Preis für Übernachtung, Frühstück und Führung beträgt 130 € pro Person, zuzüglich der Fahrtkosten mit SNCF und Tram. Bitte melden Sie sich bis zum 8. Februar an (info@historischer-verein-kehl.de oder Tel. 016097393862).

1. TAG: Zu Besuch in Nancy
Treffen am Bahnhof Kehl bzw. Strasbourg, Fahrt nach Nancy (z.B. 8:21-9:49 Uhr). Nach der Ankunft Bezug des Hotels in Bahnhofsnähe und individuelle Mittagspause in den Markthallen. Danach besichtigen wir im Rahmen eines ausführlichen Rundgangs die Altstadt (Renaissance) sowie die angrenzenden Rokoko- und Jugendstil-Viertel. Ab 1900 inspirierte diese »Neue Kunst« eine ganze Künstlergeneration, verhalf Nancy zu einem neuen Erscheinungsbild und verlieh seinem Alltag neuen Schwung. Ob Glas oder Keramik, Holz oder Schmiedearbeiten, alles zeigt die Handschrift und das Talent der neuen Künstler. Der Abend steht zur freien Verfügung. Wer möchte, kann fakultativ zum Abendessen in das berühmte Jugendstil-Restaurant Excelsior einkehren (sollte vorgebucht werden).

2. TAG: Art Nouveau
Nancy – der von Emile Gallé initiierte lothringische Jugendstil, auch als »Ecole de Nancy« bekannt, prägt das Gesicht der Stadt bis heute. Wir wenden uns der ab 1870 entstandenen Neustadt zu. Der Weg führt an zahlreichen Jugendstil-Bauten vorbei zur einzigartigen Villa Majorelle (Innenführung). Anschließend besuchen wir das Jugendstil-Museum von Nancy. Nach einer gemeinsamen Mittagspause in einem charmanten Lokal erkunden wir den Parc Saurupt. Im Jahr 1901 beschloss Jules Villard auf dem Gelände rund um sein Schloss eine Gartenstadt »zwischen Stadt und Land« im Jugendstil anzulegen. Das Projekt wird den Architekten Emile André und Henry Gutton anvertraut. Von den ursprünglich vorgesehenen 100 Villen wurden jedoch nur sechs gebaut, darunter das Pförtnerhaus. Anschließend geht es zurück zum Hotel, wo wir unser Gepäck abholen. Rückfahrt mit dem Zug nach Strasbourg (z.B. 19:12-20:40 Uhr) und von dort mit der Tram nach Kehl.